Rückblick 2026
Januar 2026: Mit dem Vortrag „Umbrüche in Spanien, Frankreich und Deutschland (1850-1878), Teil 1“ eröffnete Herr Rüdiger Wisotzky das Jahresprogramm 2026. Im Fokus standen die tiefgreifenden politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Einen besonderen Schwerpunkt bildeten Spanien und Frankreich in der Mitte des 19. Jahrhunderts, deren bewegte Geschichte sich deutlich in der zeitgenössischen Münzprägung widerspiegelt. Anhand ausgewählter Münzen wurden Machtwechsel, technische und wirtschaftliche Entwicklungen anschaulich dargestellt. Die Numismatik erwies sich dabei erneut als aussagekräftige historische Quelle für eine Epoche des Umbruchs.
In der Sitzung im Februar 2026 referierte Herr Dr. Dürr zum Thema „Hasen im Münzbild von der Antike bis zum Mittelalter“. Der Vortrag bot einen fundierten Überblick über die vielfältigen Erscheinungsformen und Bedeutungszuschreibungen des Hasen in der numismatischen Bildsprache und wurde durch zahlreiche Abbildungen von Münzen anschaulich begleitet. Zu Beginn stand eine begriffliche Differenzierung zwischen Hase und Kaninchen, die für das Verständnis der historischen Darstellungen von zentraler Bedeutung ist. Anschließend wurden die bislang frühesten bekannten Hasendarstellungen vorgestellt, darunter Prägungen aus der Zeit des Tyrannen Anaxilas (ca. 500-476v. Chr.), die im Zusammenhang mit dem Kult des Hirtengottes Pan stehen. Vergleichbar frühe Darstellungen finden sich auch auf Karshapanas aus dem Gebiet des heutigen Indien. Ein weiteres Beispiel lieferte ein römischer Denar aus der Regierungszeit Kaiser Hadrians, auf dem der Hase in Bezug zur Provinz Hispania erscheint. In anderen kulturellen Kontexten hingegen symbolisierte der Hase eher Schwäche und Verletzlichkeit. Ober die Numismatik hinaus wurden auch bildliche Darstellungen herangezogen, etwa ein in den Ruinen von Herculaneum entdecktes Gemälde eines an Trauben naschenden Hasen, das als Allegorie auf den Herbst und die reichen Gaben der Natur gedeutet wird. Ergänzend ging der Vortrag auf die antiken Formen der Hasenjagd ein, bei denen unter anderem Lagobolon (Hirtenstab), Speere, Netze und Hunde Verwendung fanden. Ein weiterer thematischer Schwerpunkt lag auf der mythologischen Bedeutung des Hasen in außereuropäischen Kulturen. So erkannten unter anderem Chinesen, Mongolen, Japaner, Koreaner und Azteken in den Strukturen des Mondes die Mondgöttin Change und ihren Begleiter, den Hasen. In späteren Epochen wurde der Hase - ebenso wie die Wachtel - vor allem als Symbol für Fruchtbarkeit und eine große Zahl von Nachkommen verstanden. Abschließend widmete sich Herr Dr. Dürr der Deutung des Hasen im christlich geprägten Europa. Mit der Umdeutung des Gottes Pan zum Teufel geriet auch der Hase zeitweise in den Zusammenhang von Hexereivorstellungen. Demgegenüber stehen Darstellungen der Apostel Petrus und Paulus in Hasengestalt, die sinnbildlich für die schnelle Verbreitung des Evangeliums verstanden wurden. Der Vortrag zeichnete sich durch hohe fachliche Präzision aus und bot den Teilnehmenden vielfältige Anknüpfungspunkte für die anschließende Diskussion.
In der Sitzung im März 2026 sprach Christian Stoess (Frankfurt) über „Die drei bekanntesten deutschen Münzfälscher: Seeländer, Becker und Frauendorfer“. Der Vortrag behandelt das Phänomen der Münzfälschung aus historischer Perspektive und stellt drei der bekanntesten deutschen Münzfälscher vor. Ausgangspunkt ist die intensive Beschäftigung des Berliner Münzkabinett mit Münzfälschungen in Forschung, Ausstellungen und Publikationen. Als erster Fälscher wurde Nicolaus Seeländer (1682-1744) vorgestellt. Er war ausgebildeter Schmied, Kupferstecher und Stempelschneider und wirkte ab 1716 als kurfürstlich-hannoverscher Kupferstecher. Seeländer verfasste numismatische Schriften zu mittelalterlichen Münzen, insbesondere zu Brakteaten. Parallel dazu begann er, solche Münzen zu erfinden und zu fälschen, offenbar zunächst, um seine eigenen wissenschaftlichen Thesen zu stützen. Seine Fälschungen zeichnen sich durch technische und stilistische Abweichungen von den Originalen aus, etwa künstliche Patina, untypische Schrötlinge und stilwidrige Schriftformen. Viele dieser Fälschungen blieben lange unerkannt und beeinflussten die Brakteatenforschung bis ins 19. Jahrhundert. Der zweite Teil widmete sich Carl Wilhelm Becker (1772-1830), dem wohl bekanntesten deutschen Münzfälscher. Becker fertigte seit den 1790er Jahren mithilfe selbst geschnittener Stahlstempel Nachprägungen antiker Münzen an. Seine außerordentlichen handwerklichen Fähigkeiten und sein ausgeprägtes Stilgefühl machten seine Fälschungen besonders schwer erkennbar. Becker war zugleich Händler, Medailleur und gut vernetzt mit Sammlern und Museen. Ein Großteil seiner Stempel ist heute erhalten. Als dritter Fälscher wurde Heinrich von Frauendorfer (1855-1921) vorgestellt, ein hochrangiger bayerischer Politiker und angesehener Sammler von Renaissance-Medaillen. Aus technischem Interesse begann er mit Gussversuchen und nutzte Gipsabgüsse aus öffentlichen Sammlungen als Ausgangspunkt für hochwertige Nachgüsse. Durch spezielle Verfahren gelang es ihm, Medaillen. in Originalgröße herzustellen und gezielt nachträglich zu ziselieren und zu patinieren. Ab etwa 1917 verkaufte er diese Stücke in betrügerischer Absicht. 1921 wurden die Fälschungen erkannt, öffentlich gemacht und strafrechtlich verfolgt; Frauendorfer beging daraufhin Suizid. Abschließend arbeitete der Vortrag gemeinsame Merkmale aller drei Fälscher heraus: ein tiefes Interesse an Münzen und Herstellungstechniken, hohe handwerkliche Kompetenz, hervorragende Vernetzung mit Sammlern und Institutionen sowie der Übergang von anfänglich technischem oder wissenschaftlichem Interesse zu betrügerischem Handeln. Die umfangreichen Quellenbestände des Berliner Münzkabinetts zu diesen Personen bilden die Grundlage für weitere Forschungen.
In der Sitzung im April 2026 hielt Herr Dr. Burkhard Traeger (Bremen) einen fundierten Vortrag zum Thema „Besondere Münzen der Peloponnes“. Als ausgewiesener Kenner der antiken griechischen Numismatik - und Herausgeber der Bremer Beiträge zur Münz- und Geldgeschichte, Band 12 Arkadien und Band 13 Die antiken Münzen von Phleious - konnte er dabei aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Er nahm die Zuhörer mit auf eine spannende Reise in die antike Münzprägung dieser bedeutenden Region des heutigen Griechenlands. Im Mittelpunkt standen außergewöhnliche Münztypen, kunstvolle Darstellungen und deren historische Hintergründe. Der Vortrag bot interessante Einblicke in die Vielfalt und Aussagekraft antiker Münzen und zeigte eindrucksvoll, wie eng Kunst, Politik und Geschichte in der Münzprägung der Peloponnes miteinander verbunden waren.
In der Sitzung im Mai 2026 referierte Prof. Dr. Bernd Ulrich Hucker über das Thema „Die Numismatikerinnen Dorothea Menadier, Vera Jammer und der Otto-Adelheid-Pfennig“. Die wissenschaftliche Aufarbeitung des mittelalterlichen Münzwesens wurde maßgeblich durch zwei Forscherinnen geprägt: Dorothea Menadier und Vera Jammer. Dorothea Menadier, Tochter des langjährigen Direktors des Berliner Münzkabinetts Julius Menadier, widmete sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg dem „Frauenthema“ der Münzprägung deutscher Reichsäbtissinnen. Ihre methodische Stärke lag im Zusammenspiel zwischen der Auswertung von Realien (Münzfunden) und schriftlichen Zeugnissen, insbesondere den Königs- und Kaiserdiplomen. Vera Jammer (später verheiratete Hatz) erstellte mit ihrer Dissertation über die Anfänge der Münzprägung im Herzogtum Sachsen ein bis heute grundlegendes Werk. Beide Forscherinnen befassten sich intensiv mit dem Otto-Adelheid-Pfennig, wobei Jammer die heute maßgebliche Klassifizierung der zahlreichen Varianten dieses Münztyps vorlegte. Der Otto-Adelheid-Pfennig gilt als eine der meistdiskutierten Münzen der sächsisch-fränkischen Kaiserzeit. Auffallend ist das Fehlen des Kaisertitels (IMPERATOR), was auf eine Entstehung in einer „kaiserlosen“ Zeit der ottonischen Herrschaft hinweist. In der numismatischen Forschung besteht Uneinigkeit über den genauen Beginn der Prägung. Es werden primär drei Zeiträume diskutiert: Die Zeit nach der Heirat Ottos I. mit Adelheid bis zu seiner Kaiserkrönung (951-962); die Phase nach dem Tod Ottos I., in der Adelheid für den jungen Otto II. eine leitende Rolle einnahm (973/974); und die Regentschaft Adelheids für ihren Enkel Otto III. (983-991/94). Bereits Julius Menadier vertrat die Ansicht, dass die Prägung als „Denkmünze“ anlässlich des feierlichen Einzugs von Otto I. und Adelheid in Magdeburg im Jahr 952 begann. Für diesen frühen Beginn sprechen mehrere Indizien: Titulatur (Die Verwendung von REX statt IMPERATOR passt perfekt in die Jahre vor 962. Ein Herrscher, der bereits den römischen Kaisertitel führte, wäre kaum zum Königstitel auf seinen Münzen zurückgekehrt), regionale Begrenzung (die Beschränkung der Otto-Adelheid-Pfennige auf sächsische Münzstätten, der Harzraum um Goslar ist unter der Regentschaft Adelheids für Otto III. 991-994 schwer erklärbar, da ihre Machtbefugnisse damals das gesamte Reich umfassten) und Tradition (die Dei-Gratia-Formel war seit Otto I. fester Bestandteil der königlichen Selbstdarstellung in Diplomen und Siegeln). Die Langlebigkeit dieses Münztyps bis ins 11. Jahrhundert lässt sich durch die Namensgleichheit der drei aufeinanderfolgenden Herrscher namens Otto und die hohe Akzeptanz des Silbergehalts bei Fernhandelskaufleuten im Norden und Osten erklären. Der Otto-Adelheid-Pfennig fungierte somit über Jahrzehnte als eine Art Garantiezeichen für Qualität, unabhängig vom jeweils amtierenden Regenten.
Ralf Raschkewitz